Katmai

Reisebericht der Expeditionsreise im Gebiet um den Mount Katmai / Alaska:
„AUF DEN SPUREN DES GLETSCHERPFARRERS“

Mit Father Hubbard nach Katmai und ins Tal der 10000 Dämpfe

Die Autoren:
Der Nordlandexperte Manfred Krüger, Photograph und Reisejournalist aus Kehl, verbringt seine Sommer seit Jahren im kanadischen Norden und in Alaska. Mit dem Meeresbiologen Dr. Gregor Durstewitz aus Rotenburg/Fulda verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. Die beiden hatten sich 1987 beim Kanufahren auf dem Yukon River kennengelernt und durchstreifen seitdem zusammen den Norden Amerikas. Dr. Durstewitz war während seiner Studienzeit an der University of Oregon auf die Tagebücher des Geologen und Alaska-Pioniers Father Bernard Rosecrans Hubbard, S.J., gestossen, die in den Archiven der Santa Clara University verwahrt liegen. Bald war der Plan geboren, mit den FATHER HUBBARD MEMORIAL EXPEDITIONS in die Fussstapfen des Jesuitenpaters zu treten …

Wir sitzen auf einem flachen Plateau oberhalb der weiten, aschebedeckten Ebene, die das Katmaital ausmacht. Im Norden ragen die Gletscher und Lavaströme des Mt.Katmai auf, nach Süden geht der Blick über das Delta des Katmai River hinaus auf den Nordpazifik. Direkt vor uns ein gespenstischer Anblick: Der Geisterwald des Gletscherpfarrers.

Ein toter Wald, umlagert von Nebelschwaden, Opfer aggressiver vulkanischer Gase. Kahle, weiße Stämme ragen aus dem Asche- und Bimssteinfeld auf, im Schein des Lagerfeuers werfen sie merkwürdige Schatten. Stumme Zeugen einer der größten vulkanischen Eruptionen der Menschheitsgeschichte: Der Explosion des Mt.Katmai am 6.Juni 1912.

Gefunden hatten wir den Geisterwald allein aufgrund des Tagebuchs eines Jesuitenpaters – Father Bernard Rosecrans Hubbard, S.J., seinerzeit Chef des geologischen Instituts der Universität von Santa Clara in Kalifornien, besser bekannt als der „Gletscherpfarrer“. Der wissenschaftlichen Tradition seines Ordens (und wohl auch einer gehörigen Portion Abenteuerlust ! ) folgend, hatte er in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts die Gletscher und Vulkane Alaskas erforscht, war mit dem Hundeschlitten auf dem zugefrorenen Yukon unterwegs gewesen und hatte nach Rückkehr regelmäßig auf Vortragsreisen und in einer Kolumne der „Saturday Evening Post“ über seine Erlebnisse berichtet. Sein Spitzname: der „Gletscherpfarrer“. Wir hatten uns nun zum Ziel gesetzt, mit unseren „Father Hubbard Memorial Expeditions“ an die Entdeckungsfahrten des abenteuerlustigen Jesuitenpaters zu den Vulkanen der Aleutian Range zu erinnern. Indem wir unsere eigenen Beobachtungen mit Father Hubbards Aufzeichnungen verglichen, wollen wir Geologie und Biologie des Katmaigebietes besser verstehen und untersuchen, wie das Leben sich diese durch vulkanische Kräfte völlig verwüstete Mondlandschaft Schritt für Schritt zurückerobert. Auf der ersten Expedition (1990) erforschten wir Mt. Katmai und das „Tal der 10 000 Dämpfe“. 1992 war der Aniakchak Krater unser Ziel, Father Hubbard’s „Welt in einem Berg“. 1999 schliesslich unternahmen wir, von der Küste her kommend, einen Vorstoss von Geographic Harbor zum Katmai Canyon und den Quellen des Katmaiflusses.

Hubbard war 1929 in dieser Gegend unterwegs gewesen, und neben der topographischen Karte sind seine Aufzeichnungen oft die einzige Informationsquelle für uns auf unseren Expeditionen zu den Vulkanen der Aleutian Range. So wurden er und seine Tagebücher zu einem ständigen Begleiter für uns. Und an jenem Abend, am Rande des Katmai River Ghost Forest, kommt es uns fast so vor als säße er mit uns am Lagerfeuer …

Wir sind schon 3 Wochen unterwegs in Katmai, gelegen auf der schwer zugänglichen Aleuten-Halbinsel in Südwestalaska. Den Kern des Teams bilden Arktisspezialist Manfred Krüger und der Meeresbiologe Gregor Durstewitz von der University of Oregon. Die beiden hatten sich schon vor Jahren beim Kanufahren auf dem Yukon kennengelernt, und sie verbindet eine gemeinsame Leidenschaft für die Vulkane Alaskas. Ausserdem dabei: Expeditionsarzt Robert Crahe und Kapitän Jürgen Drews aus Hamburg. Am Brooks River hatten wir Braunbären beim Lachsefischen beobachtet und waren danach in die Berge aufgebrochen. Wir hatten mit Bergausrüstung und Verpflegung für 4 Wochen das „Tal der 10 000 Dämpfe“ durchwandert und schließlich am Baked Mtn. in einer verlassenen geophysikalischen Forschungsstation unser Basislager aufgeschlagen. Ziel war es nun, über die Aleutian Range nach Süden bis zum Meer vorzustoßen. Hier findet sich ein Paradebeispiel der Plattentektonik: Die pazifische Platte schiebt sich unter den Festlandsockel Nordamerikas, wird eingeschmolzen und erzeugt so entlang dieser Subduktionszone einen Gürtel von Vulkanen, der sich von Alaska hinaus in die Beringsee bis fast nach Sibirien erstreckt – der nördliche Teil des „Pacific Ring of Fire“. Am Abend vor dem geplanten Aufbruch in die Berge sitzen wir auf dem Wellblechdach der Forschungsstation, kochen Tee und schauen ins Tal hinab. 400 m unter uns leuchtet das „Tal der 10 000 Dämpfe“ in allen Schattierungen von rosa und orange. Im schrägen Licht der Abendsonne sieht man deutlich den dunklen Riss, wo der River Lethe einen tiefen Canyon in die 60 m dicke Bimssteinschicht geschnitten hat. Um die Gipfel der umliegenden Berge hängen Wolkenkringel, unten im Tal treibt ein Sandsturm kleine Tornados vor sich her. Dennoch liegt irgendwie etwas friedliches im Anblick dieser weiten Ebene.

Das muß 1929 noch ganz anders gewesen sein. Father Hubbard war von der Küste her gekommen. Er hatte in Kodiak ein Fischerboot gechartert, damit die Shelikofstrasse überquert und war mit der Expedition an der Katmai Bay an Land gegangen. Schweres Gelände, wie wir später selbst feststellen mußten: Aufgeschwemmte vulkanische Asche und Bimsstein bilden dort ein tückisches, fast 25 km2 großes Treibsandfeld, in dem man oft bis zur Hüfte versinkt. Die Marschleistung in diesem Gelande beträgt oft keine 2 km pro Tag. Father Hubbard hatte jedoch vorgebaut: Neben seinem langjährigen Gefährten „Red“ Chisholm und den Hunden „Katmai“ und „Mageik“ bestand seine Mannschaft ausschließlich aus stämmigen Footballspielern der University of Santa Clara. Und, wie Father Hubbard selbst bemerkte: „… diese Burschen stellten bald fest, dass College-Football ein Kinderspiel ist verglichen mit Vulkantouren in Alaska …“ Mit den Treibsänden waren die Schwierigkeiten jedoch nicht zu Ende, mit denen die Hubbard Expedition zu kämpfen hatte: Der Geisterwald im oberen Katmaital war knistertrocken, der Katmai River versackte im lockeren Bimsstein wie in einem Schwamm. Um zu den Bächen am Katmai Paß vorzudringen, mußte der Geisterwald im Nachtmarsch bei Fackelschein durchquert werden. Am nächsten Morgen überschritt er dann mit Red Chisholm zusammen den Paß, und dort stand ihm ein Anblick bevor, den er wohl sein Leben lang nicht vergessen hat. „… aber als ich gerade vorschlagen wollte umzukehren, sah ich ein winziges Dampfwölkchen auf dem Boden des Passes. Ich rieb mir die Augen und schaute nochmal hin. Ja, da war unverkennbar ein kleiner Vulkan, der gerade im Pass einen kleinen Dampfstrahl ausstieß… Der Blick, der sich auf einmal unseren überraschten Augen bot als wir den Hügel überschritten, war eins der erstaunlichsten Bilder, das jemals von Menschenaugen geschaut wurde: So weit wir blicken konnten war das ganze Tal voll von hunderten, ja tausenden – nein, buchstäblich zehntausenden von Dampfwolken, die sich von seinem spaltendurchzogenen Boden aufkräuselten. Von unserem Standort sahen sie so winzig aus wie die kleinen Fumarolen in unserer Nähe; aber wenn wir uns die Entfernung klarmachten, so wußten wir, daß viele von ihnen ganz riesig sein mußten. Einige sandten Dampfsäulen gen Himmel, die 300 m aufstiegen, ehe sie sich verflüchtigten …“ So beschrieb Robert Griggs, Leiter einer Expedition der „National Geographic Society“ zur Erforschung des Katmaigebietes, die Entdeckung des „Tals der 10 000 Dämpfe“ am 31.Juli 1916. Mt. Katmai, einer der Gipfel der Aleutian Range im Südwesten Alaskas, hatte im Juni 1912 Schlagzeilen gemacht, als er in einer der gewaltigsten Eruptionen der Menschheitsgeschichte 35 km3 Asche, Bimsstein und schwefelhaltige Gase in die Atmosphäre ausstieß und einen Großteil Südwestalaskas mit einer stellenweise meterdicken Ascheschicht bedeckte. Dass die Eruption vermutlich keine Menschenleben forderte liegt daran, dass sie in einer fast menschenleeren Gegend stattfand. Der vermutlich einzige Augenzeuge der Eruption, Aleutenhäuptling American Pete, baute am Ukak River, etwa 30 km von der Eruptionsstelle entfernt, gerade sein Camp ab. Er kam nur knapp mit dem Leben (und dem Kayak !) davon: „… Katmai Berg gehen hoch mit viel Feuer, und Feuer kommen herab Katmai Trail mit viel Rauch. Wir alle sofort ins Boot und ab nach Savonoski. Ein Höllenjob …“ Pete und seine Leute reisten also sofort ab. Eine kluge Entscheidung. Kurz danach kam es zu einer gewaltigen Explosion, und das an die Nordflanke des Berges angrenzende blühende Tal (samt dem Camp von American Pete!) wurde von einem pyroklastischen Fluss unter einer 60 m starken Schicht von glühendem Eruptivgestein verschüttet: Das heutige „Tal der 10 000 Dämpfe“. Haupteruptionskanal war ein Nebenkrater des Mt. Katmai, der Novarupta. Über unterirdische Kanäle stand er mit der Magmakammer unter dem Mt. Katmai in Verbindung. Diese Magmakammer – nach der Eruption des Novarupta weitgehend geleert – konnte das Gewicht des darüberliegenden Bergmassivs nicht mehr tragen, und der Gipfel des Mt. Katmai stürzte in sich zusammen. Schätzungen gehen davon aus, daß Mt. Katmai vor der Eruption mindestens 1000 m höher aufragte als heute – eine Aussage, die von Aufzeichnungen russischer Seefahrer des vorigen Jahrhunderts gestützt wird: Sie bezeichnen Mt. Katmai als die bei weitem auffälligste Navigationshilfe auf der Seereise von Kamtschatka nach Kodiak.

Der Donner der Eruptionen war noch im 1500 km entfernten Ketchikan zu hören. Auf der Insel Kodiak fiel innerhalb von 12 Stunden ein über 30 cm dicker Ascheteppich, die von Atemnot geplagten Einwohner wurden auf einem Kutter der Küstenwache in einer gewagten maritimen Rettungsaktion evakuiert. Kapitän Perry notiert dazu im Logbuch des Kutters „Manning“, als er am 7. Juni 1912 im Hafen von Kodiak festmachte: „…um die Mittagszeit begann wieder Asche zu fallen, Tendenz zunehmend, und um 1 Uhr beträgt die Sicht nur noch 15 m. Blankes Entsetzen ergreift die Einwohner. Gegen 2 Uhr wird es stockfinster. Schwere statische Störungen unterbrechen Funkkontakt. Am Morgen des 8. Juni nach wie vor kein Anzeichen von Licht. Der Aschefall vom Vortag ist vom Deck entfernt worden, aber schon liegt eine neue Schicht von gelblichem Staub auf Masten, Decks und Rettungsbooten. Wolken schwefelhaltiger Gase wehen übers Deck. In den umliegenden Bergen hören wir Aschelawinen abgehen. Die ganze Crew ist mit Schaufeln und Wasserschläuchen zugange, um die Asche von Bord zu schaffen. Der Aschefall ist so schwer, daß eine Laterne auf Armeslänge nicht zu sehen ist…“

Noch im kanadischen Vancouver, fast 3000 km entfernt, zerfraßen die schwefelsäurehaltigen Dämpfe zum Trocknen aufgehängte Wäschestücke, die in die Atmosphäre ausgestoßenen Rußpartikel sorgten für eine Jahre andauernde globale Abkühlung des Klimas und erzeugten auf der Nordhalbkugel der Erde lange Zeit prächtig rote Sonnenuntergänge.

Father Hubbard nutzte die zahlreichen Quellen von überhitztem Dampf gleich ganz pragmatisch als Feldküche, in der die erstaunten Forscher bald Spiegeleier und Speck brieten sowie in Rekordzeit einen passablen Bohneneintopf kochten. Überhaupt brachte Father Hubbard so schnell nichts aus der Ruhe: Als er 1931 im Aniakchak Krater von einer Eruption überrascht wurde und fluchtartig das Feld räumen musste während rings um ihn Lavabomben einschlugen, da plagte ihn vor allem die Sorge, ob er wohl im nächsten Jahr das Paar Wollsocken wiederfinden würde, das er bei der überhasteten Flucht verloren hatte. Nicht befriedigt von dem Anblick der Dampfsäulen aus sicherer Entfernung gab Father Hubbard Gasmasken aus – auch an die Hunde ! – und drang vor bis auf den Grund der Spalten, aus denen die Fumarolen aufstiegen. Dort nahm er Gesteins- und Gasproben, maß Temperaturen und befleißigte sich geochemischer Untersuchungen. Inmitten dieses wahrhaft Danteschen Infernos machte Father Hubbard bereits jene Vorraussage, für die ihn Geologenkollegen lange Zeit belächelten, die sich aber schließlich als richtig herausstellte: Daß die Fumarolenaktivität nur von kurzer Dauer sein werde, da diese grundwassergespeist seien und über keine Verbindung zur Magmakammer verfügten. Er beschloß seine Vorraussage noch mit einem wahrhaft jesuitischen Argument: „… aus Gewalt kann nichts entstehen, das Bestand hat !“

Die Zeit hat ihm Recht gegeben, wie wir bestätigen konnten: Die meisten Fumarolen im Tal sind heute erloschen, hier und dort finden sich wieder erste Spuren von Vegetation. Braunbären nutzen den Katmai Pass wieder als Schnellweg von der Küste zu den Lachsflüssen am Naknek Lake. Dabei machen sie – genau wie wir – gern Station an einer der zahlreichen heissen Quellen. Für uns stand als nächstes die Besteigung des Katmai-Kraters auf dem Programm. Hier hatten wir alle etwas gemischte Gefühle, denn vor uns lag eine Hinterlassenschaft der Eruption von 1912, die uns stark zu denken gab: Ein von vulkanischer Asche bedeckter Gletscher, der sich vom „Tal der 10 000 Dämpfe“ bis zum Krater hinaufzieht. Keiner von uns war jemals über einen aschebedeckten Gletscher aufgestiegen. Wir wälzen Father Hubbards Tagebücher – selbst er hatte diese Route gemieden – Zufall ? Stirnrunzeln, Achselzucken.

Wir beschliessen, ein vorgeschobenes Lager am Ende der Gletscherzunge anzulegen, die vom Gipfel des Mt. Katmai ins „Tal der 10 000 Dämpfe“ herabreicht. Zumindest Trinkwasser wäre dort wegen der Gletscherbäche kein Problem – in diesem Bimssteintal eine wichtige Überlegung. Am nächsten Morgen geht’s los. Zunächst der Anstieg zum Baked Mtn. Beim Aufstieg finden wir eine große Menge fossiler Muscheln und Meeresschnecken: Baked Mtn. besteht aus jurassischen Sedimenten – vor 120 Millionen Jahren war diese Bergspitze Teil des Meeresbodens ! Vom Gipfel aus bietet sich ein ausgezeichneter Blick auf die Gletscher des Mt. Katmai. Per Feldstecher werden Details der Anstiegsroute für den nächsten Tag festgelegt. Dann erkunden wir den Novarupta, jenen Nebenkrater, von dem aus das Tal während des Ausbruchs 1912 mit Eruptivgestein verschüttet worden war. Der Eruptionskanal ist heute verstopft von einem enormen Lavapfropf aus Rhyolit. Die chaotisch übereinandergetürmten Blöcke bilden Höhlen, aus denen nach Schwefelwasserstoff riechender Dampf aufsteigt – ein ausgezeichnetes türkisches Bad ! Vom Novarupta aus sind es etwa 2 Stunden Marsch bis zum Messerbachgletscher, wo wir ein vorgeschobenes Camp aufschlagen. Der Name rührt von der Art, wie sich der Gletscherbach in den lockeren Talboden eingräbt: Wie ein Messer in die Butter ! Bei Sonnenuntergang wird es hier an der Gletscherzunge gleich empfindlich kalt. Besonders für Manfred, der kurz vorher zusammen mit einer einstürzenden Schneebrücke ein unfreiwilliges Vollbad im Gletscherbach genommen hatte.

Der nächste Morgen. Ein Blick aus dem Zelt: Wetter ausgezeichnet, es geht also los. Die Stimmung ist gespannt. Letzte Checks der Bergausrüstung, zwischendurch für jeden eine Tasse Tee und eine handvoll Granola. Eisen klirren, gesprochen wird wenig. Dann der Aufstieg. Wir durchklettern Moränen aus schmelzwassergesättigter vulkanischer Asche, rutschen schlammige Bimssteinfelder hinab. Dann endlich: Das Ende der Ascheschichten ist erreicht, wie ein blauweisses Band liegt der Gletscher nun vor uns. Wir sind halb oben. Eisen werden angezogen, wir gehen im Seil. Kommen nun ausgezeichnet voran. Es gibt Spalten, aber diese sind leicht zu umgehen. Am frühen Nachmittag ist es soweit: Vor unseren Füßen bricht der Gletscher plötzlich ins bodenlose ab: Wir sind am Krater ! Der Anblick ist gewaltig. Vor uns öffnet sich ein Kessel von fast 6 km Durchmesser, gefüllt mit einem eisbergübersäten, milchiggrünen See, aus dem die Kraterwände senkrecht fast 800 m hoch aufragen. An mehreren Stellen zeugen orange-rosafarbene Strudel von geothermischer Aktivität in der Tiefe. An 2 Stellen der Kraterinnenwand haben sich mächtige Gletscher geformt, die bis in den See hinabreichen – die einzigen Gletscher der Welt, deren Geburtsdatum auf den Tag genau bekannt ist: Es handelt sich um den 6. Juni 1912; den Tag, als Mt. Katmai in sich zusammenstürzte.

Da das Wetter stabil scheint beschließen wir, direkt auf dem Gipfelplateau zu campen. Nur wenige Meter vom Kraterrand entfernt finden wir eine windgeschützte flache Mulde, in der wir das Zelt aufbauen. Kurz darauf machen wir eine merkwürdige Entdeckung: Direkt am Zelt vorbei und scheinbar dem Kraterrand folgend finden wir die Spur eines Braunbären. Merkwürdig deshalb, weil hier oben ewiges Eis herrscht, Nahrung für Bären also kaum zu finden ist. Außerdem wäre die Bergkette am nahegelegenen Katmai Pass wesentlich leichter zu überqueren. Wir hatten jedoch schon bei den Wasserfällen am Brooks River beobachtet, daß Neugier eine der hervorstechendsten Eigenschaften dieser Bären ist – möglicherweise ist dies auch hier die Erklärung.

Da das Wetter mitspielt unternehmen wir am nächsten Morgen den Versuch, einen der Kraterrandgipfel, den Nova Peak im Westen, zu besteigen. Eine Eisflanke führt vom Messerbachgletscher hoch zum Gipfel. Die Route erweist sich als gute Wahl. Direkt auf dem Gipfel entdecken wir die Überreste eines alten Camps – Fetzen einer Zeltplane, diverse Felshaken und eine große Anzahl korrodierter Metallcontainer, die an Batterien erinnern: Father Hubbard’s Fotoausrüstung ? Wir haben jedoch keine Zeit, uns über die Herkunft der Geräte Gedanken zu machen, denn der bereits während des Anstiegs kalte Wind erreicht jetzt Sturmstärke und bläst vom Pazifik her nasse Wolkenfetzen über die Kuppe. Die Sicht wird immer schlechter – höchste Zeit zum Abstieg ! Wir nehmen eine Kompaßpeilung vor und steigen zur Pazifikseite hin ab, über Schneefelder, Schotterhalden und Wildbäche. Von einem Moment auf den anderen unterschreiten wir die Wolkendecke und da, mitten in der weiten Ebene des Katmaitales, liegt er plötzlich vor uns: Father Hubbards Geisterwald ! Hunderte von kahlen Bäumen, während der Eruption von 1912 von schwefelhaltigen heißen Gasen vitrifiziert und von Ascheregen überhäuft, ragen aus dem Schwemmland des Katmai River auf – ein grotesker Anblick. Niemand beschreibt ihn besser als Father Hubbard in seinem Tagebuch: „…wir überquerten gerade die weite Bimssteinebene, da ragte er plötzlich vor uns auf und nahm Form an: Ein merkwürdiger Wald, wie es ihn sonst wohl nirgendwo anders gibt – ein toter Wald, ein grotesker Wald, wahrhaftig ein abscheuliches Bild der Verwüstung! Hier war einst überquellendes Leben gewesen, nunmehr ein Sinnbild von Leblosigkeit. Wir kamen näher, und der unheimliche Effekt verstärkte sich. Starre, hagere Stümpfe gefallener Giganten wuchsen aus dem Grund, ihre Äste ausgestreckt in sinnloser Hingabe, als ob sie das Leben selbst noch hätten greifen wollen, als es ihnen entfloh. Tote Bäume, aufrecht stehend, ohne Blatt und Blüte, ohne Farbe auch außer der des Todes. Viele erhalten bis auf den kleinsten Zweig, reckten sie sich himmelwärts wie in Dorés Illustrationen von Dantes Inferno…“

Wir sitzen schweigend am Feuer – gespeist von Holz aus dem Geisterwald – und blicken über die weite Ebene. Mehr noch als auf dem Gipfel des Mt. Katmai haben wir hier das Gefühl, definitiv am Ende der Welt zu sein.

Vor uns liegt die nächste Etappe unserer Expedition: Mit dem Kanu durch den Geisterwald, bis an den Pazifik ! Dieser Plan hatte in der Vorbereitungsphase bei Freunden – je nach deren Temperament – Reaktionen zwischen Stirnrunzeln und schallendem Gelächter hervorgerufen, besonders die Idee, ein Kanu über die Berge zu tragen – zu Fuß ! Wir befinden uns hier allerdings in bester Gesellschaft: Auch Father Hubbards Vorhaben waren von Zeitgenossen zunächst oft belächelt worden…

Wir brauchen 4 Tage, um uns über den Katmai Pass aus dem Basislager neu zu versorgen und das Kanu über die Berge zu portagieren. Auf dem Weg entdecken wir – Father Hubbards Notizen folgend – eine heiße Quelle, die direkt einem erstarrten Lavastrom entspringt. Nach 2 Wochen ohne Bad eine willkommene Abwechslung ! Endlich liegt das Kanu beladen und startklar im Fluß am Geisterwald.

Es geht wieder los ! Mit 3 Mann Besatzung plus Ausrüstung bis an die Grenze der Tragfähigkeit beladen beginnen wir mit dem Kanu eine wahre Spießrutenfahrt: Der Mageik Creek, ein Nebenarm des Katmai River, windet sich quer durch den Geisterwald. Aus dem Nebel tauchen mitten im Fluß palisadengleich vom Wasser freigespülte Stämme auf und bilden tückische Hindernisse. Bimssteinbrocken tanzen in der Strömung. Die Gewalt des Wassers läßt wenig Zeit zum Reagieren. „Tote Männer“ tauchen auf, jene genau auf Wasserhöhe vom Ufer in den Fluß ragenden Bäume, die von der Strömung in unregelmäßigen Abständen unter die Wasseroberfläche gedrückt werden, um dann plötzlich und unerwartet wie ein Katapult zurückzuschnellen. Wenige Meilen vor der Katmai Bay fehlt uns dann plötzlich jene sprichwörtliche „Handbreit Wasser unter dem Kiel“: Der Fluß versickert buchstäblich vor unseren Augen. Wir booten aus und versacken sofort hüfttief in einem Brei aus Wasser, Gletscherabrieb und aufgeschwemmtem Bimsstein – Father Hubbards Treibsandfeld ! Die nächsten Stunden sind unerfreulich. Um wieder mit dem Gletscherpfarrer zu sprechen: „…es war ’ne harte Sache für jeden von uns. Der Treibsand war schlimm genug, aber beladen mit 100 Pfund Rucksäcken, wie wir es waren, strauchelten wir ständig. Nie konnten wir das Problem lösen, wie zumindest die allertrügerischsten Plätze zu vermeiden wären. Manchmal würden wir einen unschuldig und trocken aussehenden Platz anpeilen, auf dem Wege dorthin einige verdächtig aussehende Flecke umgehen, nur um an jenem anscheinend trockenen Platz in eine Treibsandfalle zu geraten und die umliegenden „verdächtigen“ Gebiete wunderbar fest und tragfähig zu finden. Wir lagen so oft falsch in der Beurteilung des nächsten Schrittes, daß wir diese Versuche völlig aufgaben und einfach geradewegs Richtung Küste marschierten, koste es, was es wolle…“

Völlig erschöpft erreichen wir am nächsten Tag die Pazifikküste. Wir sind am Ziel ! Ein Sandstrand, viel Treibholz, Abendsonne. Wir machen Feuer, kochen Tee und trinken auf Father Hubbards Wohl. Braunbären streunen neugierig um unser Camp. Eine frische Brise kommt auf, zum Windschutz bauen wir eine Treibholzburg um unser Zelt. Morgen früh Rückmarsch – durch den Treibsand…

P.S.: Dieser Bericht ist gewidmet Father Bernard Rosecrans Hubbard, S.J. (1888-1962).