BZ: „So etwas passiert“ Übergriffe von Grizzlys auf Touristen

BZ-INTERVIEW mit dem Kanada-Kenner Manfred Krüger zum tödlichen Übergriff eines Grizzlys auf ein Schweizer Paar am Yukon.

Sa, 25. Oktober 2014 – Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe und im Online-Angebot der Badischen Zeitung.

von: Bastian Bernhardt

FRIESENHEIM. Vor einer Woche ist ein schweizerisches Paar am Yukon in Kanada von einem Grizzlybär angegriffen worden. Die Frau kam dabei ums Leben. Einer, der das Land und seine wilden Tiere seit vielen Jahren kennt – und dort schon persönlich in knifflige Situationen mit Grizzlys geriet – ist der Oberschopfheimer Manfred Krüger. BZ-Redakteur Bastian Henning fragte ihn, wie er den Vorfall einschätzt.

BZ: Herr Krüger, überrascht es Sie, dass in Ihrem langjährigen Reisegebiet nun eine Schweizerin vom Grizzly getötet wurde?

Krüger: Nein, überrascht bin ich nicht. Der Geruchssinn des Grizzlys ist sehr ausgeprägt. Wenn beim Haus des nun angegriffenen Paares ein Tierkadaver in der Nähe lag, kann das schon gereicht haben, um einen Bären anzulocken. Außerdem sind die Grizzlys jetzt kurz vor dem Winterschlaf ohnehin intensiv auf Nahrungssuche und reagieren unberechenbar. Hinzu kam der bellende Hund am Haus. Das könnte den Bär zusätzlich gereizt haben.

BZ: Es heißt, der Grizzly sei durchs Fenster ins Haus eingedrungen. War das vielleicht auch ein sehr aggressives Tier?

Krüger: Das ist Spekulation. Womöglich war hinter diesem Fenster just die Vorratskammer, dann hat das den Bären angezogen. Bei der Blockhütte meines Begleiters und mir am Yukon – übrigens nur 150 Kilometer vom Ort des tödlichen Grizzly-Vorfalls entfernt – haben wir die Fenster auch aus diesem Grund nur 40 auf 60 Zentimeter groß gefertigt.

BZ: Hätte das Schweizer Paar nicht einfach vor dem Bären weglaufen können?

Krüger: Das ist schwierig. Erstens wird der Grizzly aufmerksam, wenn etwas vor ihm flüchtet. Zweitens sind Grizzlys sehr gute Sprinter. Sie können auf allen Vieren galoppieren und rennen wie ein Pferd – jedenfalls viel schneller als Menschen.

BZ: Müsste die Regionalregierung nun die Menschen vor den wilden Tieren besser schützen – oder gar die Tiere vor dem Menschen?

Krüger (lacht): Naja, die Leute müssen natürlich aufgeklärt werden, dass man im Bärengebiet keine Nahrungsmittel draußen lassen sollte, dass man auf der Hut sein muss und sich aktiv schützen kann. Unser Nachbar hat seine Blockhütte mit einem mehr als drei Meter hohen Zaun umgeben. Da kommt ein Bär nicht rüber.

BZ: Wie können sich Wanderer schützen?

Krüger: Sie müssen beim Campen acht geben, wie der Wind steht. Wenn wir dort unterwegs sind, legen wir rund ums Lager Mottenkugeln aus, das den menschlichen Geruch überdeckt. Außerdem haben wir Pfefferspray dabei, wenn es mal zum direkten Kontakt kommt.

BZ: Kam es denn schon einmal dazu?

Krüger: Ich bin schon mehrfach Grizzlys begegnet. Einmal kam einer direkt vor unsere Blockhütte gelaufen. Eine Freundin, die gerade zu Besuch war, wollte raus, sah den Bär – und tat das einzig Richtige: Sie schloss die Tür sofort wieder. Ich war da gerade unterwegs. Als ich später zum Haus kam, war der Bär noch da. Es war aber ein junges Tier. Es flüchtete auf den Baum, als es mich sah. Erst nach ein paar Tagen ist der junge Grizzly runtergekommen und weg. In einem anderen Fall stand ein Freund beim Wandern plötzlich unmittelbar vor einem Grizzly. Da hat er den Bär einfach angeschrien. Der war so verdutzt, dass er Reißaus genommen hat.

BZ:…was nicht immer funktionieren dürfte…

Krüger: Nein, sicher nicht. Solche tragischen Fälle, wie jener jüngste kommen einfach vor. Es waren unglückliche Umstände: die Jahreszeit mit dem nahenden Winterschlaf, vielleicht eine gewisse Panik auf beiden Seiten. So etwas passiert.

BZ: Reisen Sie künftig mit einem anderen Gefühl an den Yukon?

Krüger: Nein. Man muss diesen tollen, faszinierenden Tieren mit höchstem Respekt begegnen und vorsichtig sein. Aber man kann nicht auf alles gefasst sein. Grundsätzlich ist die Gefahr, zwischen Lahr und Offenburg mit dem Auto tödlich zu verunglücken, größer, als am Yukon vom Grizzly angefallen zu werden.

Der tödliche Vorfall

Das Schweizer Paar lebte seit einigen Jahren als Touristenführer am Yukon. Der Vorfall nahm seinen Lauf, als der Hund des Paares am Morgen anschlug. Der Mann ging hinaus, um den Hund zu beruhigen – und sah den sich nähernden Bären. Er ging ins Haus zurück, um sein Gewehr zu holen. Offenbar drang der Bär dann durchs Fenster ins Haus ein. Das Paar rannte hinaus, verfolgt vom Grizzly, der sich auf die Frau stürzte. Der Mann tötete den Bär, konnte seine Partnerin aber nicht retten. Warum sich der Grizzly dem Haus näherte, ist unklar. Der ganze Bericht zum Vorfall im Internet unter http://mehr.bz/grizzlyattacke

Der Mittfünfziger aus Oberschopfheim wandert, schippert und fährt seit vielen Jahren durchs Yukon-Gebiet. Seinen Diavortrag „Die erlebte Wildnis“ wird er wohl im Januar wieder halten.